Stolpersteine 12.4.05


Aktion Stolpersteine in Frankenthal

Bei der Gedenkveranstaltung des Fördervereins für Jüdisches Gedenken zur „Reichskristallnacht“ am 10. November 2003 meldete sich spontan ein Bürger, der im Sinne der Aktion „Stolpersteine“ aktiv werden wollte. Später wandten sich zwei weitere Bürger mit dem gleichen Anliegen an den Frankenthaler Oberbürgermeister Theo Wieder. Die Frankenthaler Lokalzeitung DIE RHEINPFALZ hat in der Lokalausgabe am 11. März 2004 ausführlich über Erfahrungen mit der Aktion „Stolpersteine“ berichtet und verschiedene Meinungen aus Frankenthal vorgestellt. Um die auf Einzelpersonen bezogene Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus geht es dem Kölner Initiator Gunter Demnig (www.stolpersteine.com) und den Bürgerinitiativen, die sich seit dem offiziellen Start der Aktion im Jahr 2000 angeschlossen haben. Vor Häusern, in denen Opfer der NS-Verfolgung gelebt haben, setzt Demnig kleine Betonquader in den Gehweg. Der Begriff „Stolperstein“ ist im übertragenen Sinne gemeint: Menschen sollen auf etwas „gestoßen“, aufmerksam gemacht werden. Ein kurzer Text, der immer mit den Worten „hier wohnte ...“ beginnt, ist in eine ebenerdig aufgebrachte, zehn mal zehn Zentimeter kleine Messingplatte eingeschlagen. Es sind Texte wie dieser: „Hier wohnte Julius Kohlmann. Geboren 1885. Deportiert Auschwitz. Verschollen.“ Die Herstellung und Verlegung der Stolpersteine kosten jeweils 95 Euro. Die Aktion fand inzwischen in rund 30 Städten und Gemeinden statt. Mehr als 4 000 Steine wurden bereits verlegt, davon zirka 90 Prozent für jüdische Kinder, Frauen und Männer.
Der Förderverein für jüdisches Gedenken stand von Anfang an den Frankenthaler Initiativen aufgeschlossen gegenüber. Am 26. Mai 2004 fand im Protestantischen Gemeindezentrum Dathenushaus eine erste Diskussion statt. An ihr beteiligten sich interessierte Bürgerinnen und Bürger, Vertreter des Stadtrates, Oberbürgermeister Theo Wieder sowie einige Hausbesitzer. Eine Bürgerin aus Neustadt an der Weinstraße informierte über den dortigen Ablauf der Aktion, bei der rund 40 Stolpersteine verlegt wurden. Sie wurden zum Teil über Spenden finanziert, zum Teil von den Hausbesitzern selbst bezahlt.
Das Thema Stolpersteine wurde im Ältestenrat des Stadtrates diskutiert. „Dabei gab es positive Stimmen, aber auch eine Reihe kritischer Fragen“, berichtete Oberbürgermeister Theo Wieder. Diese Fragen drehten sich vor allem um die Problematik, inwieweit die heutigen Eigentümer der Häuser an solchen Stolpersteinen vor ihrem Anwesen Anstoß nehmen könnten.
Der Vorstand des Fördervereins vertrat die Auffassung, dass auch in Frankenthal vor allem Bürgerinnen und Bürger die Aktion tragen sollen. Der Stadtrat und die Stadtverwaltung sollten in der öffentlichen Diskussion eine positive Haltung einnehmen und die rechtlichen Voraussetzungen für eine Verlegung der „Stolpersteine“ schaffen. Hausbesitzer, vor deren Gebäude Steine gesetzt werden sollen, müssen nach Auffassung des Vorstandes des Fördervereins, einverstanden sein. Der Förderverein bot sich an, die Frankenthaler Aktion zu koordinieren.
In einem Brief an den Förderverein vom 9. Juni 2004 schreibt Oberbürgermeister Wieder: „Nach längerer Diskussion im Ältestenrat wurde Einigkeit erzielt, dass aus Sicht der Stadt Frankenthal (Pfalz) diese so genannten Stolpersteine vor den Häusern ehemaliger jüdischer Mitbürger im öffentlichen Straßenraum eingefügt werden können, wenn sich hierfür auf freiwilliger Basis genügend Spender finden und zudem die betroffenen Hauseigentümer schriftlich ihr Einverständnis mit dem Anbringen eines solchen Stolpersteines vor ihrem Haus erklärt haben.“
Seitdem fanden mehrere Treffen interessierter Spenderinnen und Spender statt. Eine Filmdokumentation informierte über die Intention des Künstlers Gunter Demnig, über konkrete Verlegungen und über die Reaktion der Passanten. Bei den Vorbereitungen halfen vor allem die umfassenden Nachforschungsarbeiten des Frankenthaler Bürgers Helmut Theobald, der in Jahre langer Arbeit umfassende Daten über die jüdischen Menschen von 1933 bis 1945 zusammenstellte. Die Mitglieder der Aktion hatten sich geeinigt, selbst mit den Hausbesitzern Kontakt aufzunehmen. Hier gab es erste positive Reaktionen, aber auch drei Ablehnungen. Zwei Hausbesitzerinnen verweigerten jedes Gespräch, ein Hausbesitzer fürchtet rechtsradikale Maßnahmen.


Ende Februar 2005 gab es Spenden für 30 Stolpersteine. Gunter Demnig hatte inzwischen einen ersten Verlegungstermin auf 12. April 2005 vorgeschlagen. Zur Vorbereitung stellen die Mitglieder der Aktion bautechnische Details der Flächen vor den Häusern zusammen. Außerdem machen sie Vorschläge für die Beschriftung der Steine.
Die offizielle Eröffnung der Aktion findet am 12. April, 11 Uhr, in der Färbergasse statt. Oberbürgermeister Wieder wird die Aktion eröffnen.
Rüdiger Stein und Stefan Buchmann haben vier Steine für Mitglieder der Familie Adler gespendet.
Anschließend werden vor dem Dathenushaus weitere Steine für verlegt. Die Protestantische Dekanin, Sieglinde Ganz-Walther, und Konrad Erb, Zwölf-Apostel-Kirche, erinnert an die Familie Kahn, die hier gewohnt hat. Mitglieder der Protestantischen Bezirkssynode hatten für die Steine gespendet.
Am Nachmittag, um 14 Uhr, verlegt die Freireligiöse Gemeinde Pfalz einen Stein für den stellvertretenden Landgerichtsrat Dr. Emil Dosenheimer in der Pilgerstraße 2.
Am 12. April, ab 10 Uhr, informiert eine kleine Ausstellung über die Aktion „Stolpersteine in Frankenthal“. Fotos und Texte dokumentieren das Leben der ermordeten Menschen. Auch an den Verlegungsorten informieren Dokumente.
Da am 12. April nicht alle Stolpersteine verlegt werden können, sind weitere Termine geplant. Hier hofft man, dass die Steine auch ohne den Initiator gesetzt werden können.
Die Mitglieder gehen davon aus, dass die Aktion „Stolpersteine in Frankenthal“ eine dauerhafte Aktion werden soll. Es können aufgrund der öffentlichen Präsentationen immer wieder neue Spenderinnen und Spender, zum Beispiel Schulklassen, Vereine und Firmen, hinzukommen.

Erste Verlegaktion Dienstag, 12. April 2005, 11 Uhr

Programm:

11 Uhr, Färbergasse 5, (hinter dem Rathaus, Willy-Brandt-Anlage)

Offizielle Eröffnung der Aktion mit Oberbürgermeister Theo Wieder, Text von Albert H. Keil: „Die erste Sekunde der Ewigkeit“, Michael Buchmann und Rüdiger Stein stellen die Familie Adler vor.
Das Haus der Familie Adler stand ungefähr da, wo heute die Plastik des Frankenthaler Künstlers Erich Sauer steht.

11.30 Uhr, Kanalstraße 2 (Dathenushaus)
Dekanin Sieglinde Ganz-Walther und Konrad Erb, Zwölf-Apostel-Kirche, stellen die Familie Kahn vor

Weitere Namen/Adressen:

Speyererstraße 34 für Moses Blumenstiehl

Bahnhofstraße 16 für Bernhard Reinhard

Eisenbahnstraße 20 für Familie Weil

Vierlingstrasse 15 für Familie Hirschler

Heinrich-Heine-Straße 3 für Heinrich Lurch

14 Uhr Pilgerstraße 2, die Freireligiöse Gemeinde stellt die Familie Dosenheimer vor

Anschließend ist ein Treffen aller Beteiligten im Saal des Gewerkschaftshauses, Pilgerstraße 1, geplant.


Stolpersteine für Opfer des Nationalsozialismus:

Aufgrund der schwierigen Aktenlage ist es nicht möglich, endgültige Aussagen über die Lebensdaten der Opfer zu machen. Die Angaben beruhen auf amtlichen Unterlagen und persönlichen Nachforschungen. Statt „für tot erklärt“ oder „verschollen“ könnte auch jedes Mal stehen „ermordet“. Die Informationen auf den Stolpersteinen werden aufgrund von Vorschlägen der Spender/innen von Gunter Demnig festgelegt.

Das Haus der Familie Adler,
Färbergasse 5

Färbergasse 5
Adler, Philipp
Vater von Ludwig Adler
geb. am 17.4.1865 in Urspringen
am 23.9. 1942 über Drancy nach Auschwitz deportiert
für tot erklärt

Färbergasse 5/ Wormserstraße 2
Adler, Ludwig
geb. 16.7.1892 in Frankenthal
verheiratet mit Alice Adler
1943 nach Auschwitz deportiert
für tot erklärt

Färbergasse 5/Wormserstraße 2
Adler, Alice geb. Adler
geb. am 19.5 1900 in Bamberg
verheiratet mit Ludwig Adler
am 22. 10. 1940 nach Gurs deportiert
am 11. 11. 1942 über Drancy nach Auschwitz
für tot erklärt

Färbergasse 5/Wormserstraße 2
Adler, Lotte Eva
Tochter von Ludwig und Alice Adler
geb. am 12.2.1926 in Mannheim
ledig
1943 nach Auschwitz deportiert
dort verschollen


Speyererstraße 34
Blumenstiel, Moses
geb. am 20.7.1866 in Kirrweiler
verwitwet
am 22.8. 1942 nach Theresienstadt deportiert
dort gestorben am 25.9.1942

Pilgerstraße 2
Dosenheimer, Emil
11.2. 1870 in Ungstein
stellvertretender Landgerichtsrat
Berufsverbot
Vorsitzender der Freireligiösen Gemeinede
gestorben am 16.2 1936 in Heidelberg

Pilgerstraße 2
Dosenheimer, Paula geb. Friedmann
geb. am 27.3.1884 in Mannheim
am 22.10.1940 nach Gurs deportiert
1942 befreit und in die USA ausgewandert

Pilgerstraße 2
Dosenheimer, Ernst Karl
geb. am 15.11.1907 in Ludwigshafen
am 15.2.1936 nach Palästina ausgewandert
verstorben 1987 in Israel

Pilgerstraße 2
Dosenheimer, Gertrud Helena
geb. am 8.6.1910 in Ludwigshafen
am 16.6.1937 in die USA ausgewandert
verstorben 1993 in den USA

Vierlingstraße 15
Hirschler, Babette geb. Eisenmann
geb. 7.7.1858 in Binau
verwitwet
am 22.10.1940 aus Frankenthal nach Gurs deportiert
starb dort am 22.12.1940

Vierlingstraße 15
Hirschler, Rosa geb. Baer
geb. am 14.4.1895 in Eppingen
verheiratet
am 22.10.1940 aus Frankenthal nach Gurs deportiert, nach Rivesaltes
für tot erklärt


Vierlingstraße 15
Hirschler, Siegfried
geb. am 6.2.1887 in Frankenthal
verheiratet
am 22.10.1940 aus Frankenthal nach Gurs deportiert
in Rivesaltes verschollen

Kanalstraße 2
Kahn, Emil Elias
geb. am 8.2.1905 in Hessheim
ledig
aus Amsterdam nach Auschwitz deportiert
dort am 17.9.1943 gestorben


Kanalstraße 2
Kahn, Johanna geb. Löb
geb. am 26.4.1878 in Fußgönheim
verheiratet Ehefrau von Edmund Kahn,
am 22.10.1940 aus Frankenthal nach Gurs deportiert
starb am 28.10.1941 in Gurs.

Kanalstraße 2
Kahn, Edmund
geb. am 14.11.1877 in Hessheim
am 22.10.1940 aus Frankenthal nach Gurs deportiert
1943 nach Noe überstellt
dort am 22.6.1943 gestorben

Heinrich-Heine-Straße 3
Lurch, Heinrich
geb. am 18.10.1855 in Edigheim
verheiratet mit Flora Lurch geb. Dosenheimer
am 22.10.1940 aus Frankenthal nach Gurs deportiert
starb am 22.11. 1940 in Gurs.

Bahnhofstraße 16
Reinhard, Bernhard
geb. am 10.5. 1866 in Kaiserslautern
verheiratet
am 22.10.1940 aus Mannheim nach Gurs deportiert
starb in Recebedou am 31.10.1941

Eisenbahnstraße 20
Weil, Elisabeth geb. Schwarz
geb. am 27.7.1886 in Kirchheimbolanden
verheiratet
am 22.10. 1940 aus Ludwigshafen nach Gurs deportiert
in Recebedou am 28.1.1942 gestorben

Eisenbahnstraße 20
Weil, Viktor
geb. am 1.12. 1871 in Frankenthal
verheiratet
am 22.10. 1940 aus Ludwigshafen nach Gurs deportiert
in Recebedou 12.1.1942 gestorben

Eisenbahnstraße 20
Weil, Emma geb. Weil
geb. am 18.12.1880 in Lörrach
verheiratet
am 22.10. 1940 aus Ludwigshafen nach Gurs deportiert
dort am 16.11.1940 gestorben


Weitere Namen für Stolpersteine:

Lambsheimerstraße 79
Dr. Samuel, Siegfried
geb. am 17.7.1885 in Kerzenheim
am 10.11.1938 ins Frankenthaler Gefängnis gebracht
am 12.11. 1938 von Frankenthal nach Dachau gebracht
an den Folgen am 23.11. 1941 gestorben

Wormserstraße 27
Abraham, Julius
geb. am 6.8.1878 in Börsborn
am 22.10. 1940 aus Mannheim nach Gurs deportiert
am 9.3.1943 in Lublin/Majdanek gestorben

Kahn, Hermine
geb. am 6.2.1869 in Heßheim
am 22.10.1940 aus Frankenthal nach Gurs deportiert
Mühlstraße 13
starb am 11.12.1940 in Gurs

Vierlingstrasse 13
Dr. Emil Rosenberg
geb. am 7.11.1889 in Osann/Trier
am 22.10. 1940 aus Frankenthal nach Gurs deportiert
am 10.8.1942 über Drancy nach Auschwitz deportiert
für tot erklärt 10.8.1942

Vierlingstrasse 13
Anna Karolina Rosenberg geb. Brunner
geb. am 3.3.1899 in Adelsheim
am 22.10. 1940 aus Frankenthal nach Gurs deportiert
am 10.8.1942 über Drancy nach Auschwitz deportiert
für tot erklärt 10.8.1942

Vierlingstrasse 13
Ria Gümbel
geb. am 12.4.1923 in Albisheim
am 22.10. 1940 aus Frankenthal nach Gurs deportiert
in Rivesaltes verschollen

Bahnhofstraße 2-4
Nachmann, Moritz
geb. am 20.11.1862 in Nordenstadt/Wiesbaden
am 21.8. 1942 aus Mannheim nach Theresienstadt deportiert
dort gestorben am 27.12.1943
Bahnhofstraße 2-4
Nachmann, Meta geb. Rosenmayer
geb. am 20.4.1875 in Wolfshagen
am 21.8. 1942 aus Mannheim nach Theresienstadt deportiert
dort gestorben am 28.4.1944

Speyererstraße 48
Meisel, Anna Hermine
geb. am 7.11.1903 in Frankenthal
am 22.10. 1940 aus Frankenthal nach Gurs deportiert
über Rivesaltes und Drancy nach Auschwitz am 14.8.1942
dort verschollen

Bahnhofstraße 1
Schweitzer, Karl
geb. am 11.5.1879 in Frankenthal
kam am 10.11.1938 ins Gefängnis Frankenthal und dann nach Dachau
an den Folgen am 1.10.1946 in Mannheim gestorben

Gabelsbergerstaße 5
Nathan, Nathan
geb. am 18.4.1863 in Altenstadt/Hessen
am 22.10. 1940 aus Frankenthal nach Gurs deportiert
dort gestorben am 4.11.1940

Foltzring 15
Rahlson, Ernst
geb. am 16.5.1871 in Berlin
am 11.1.1944 aus Heidelberg nach Theresienstadt deportiert
dort am 17.1.1944 gestorben

Neumayerring 34
Toni Pfeifer geb. Dellheim
geb. am 7.1.1896 in Mutterstadt
am 22.10. 1940 aus Mannheim nach Gurs deportiert
am 10.8.1942 über Drancy nach Auschwitz
für tot erklärt

Neumayerring 34
geb. am Berthold Pfeifer
18.3.1895 in Mannheim
am 22.10. 1940 aus Mannheim nach Gurs deportiert
über Rivesalts und Drancy am 28.8.1942 nach Auschwitz
für tot erklärt