Mitteilungen an die Medien 2012
Der Alte Jüdische Friedhof in Frankenthal.
Die beiden jüdischen Friedhöfe in Frankenthal
Vortrag mit Fotos am Mittwoch, 29. Februar 2012, 19 Uhr
In einem Vortrag am Mittwoch 29. Februar, 19 Uhr, im VHS-Bildungszentrum in der Schlossergasse stellen Werner Schäfer und Herbert Baum vom Förderverein für jüdisches Gedenken die beiden jüdischen Friedhöfe vor. Der Eintritt ist frei.
Die ersten Juden, die in Frankenthal gelebt haben, wurden vermutlich auf dem Wormser Friedhof „Heiliger Sand“ begraben, später auf dem Friedhof in Heuchelheim. 1820 kaufte die Jüdische Gemeinde Frankenthal auf der Ostseite des neuen städtischen Friedhofs ein Feld für den ersten eigenen Friedhof. Hier sind heute noch 130 Grabsteine erhalten, davon 58 mit hebräischer Schrift. Das erste Grab ist von Sarah Heymann, gestorben am 12. Dezember 1826. Im Zweiten Weltkrieg ließ die Stadtverwaltung hier tote Zwangsarbeiter beerdigen. Der Neue Jüdische Friedhof wurde 1916 durch die Stadt Frankenthal angelegt. Das erste Grab stammt aus dem Jahr 1917. In den vergangenen Jahren wurden hier wieder Frauen und Männer jüdischen Glaubens aus der ehemaligen Sowjetunion begraben. Der Förderverein hat 1995 und 1996 alle Grabsteine fotografiert und die Inschriften dokumentiert. Im Vortrag mit Fotos werden sowohl die Geschichte der beiden Friedhöfe als auch die jüdischen Begräbnisregeln dargestellt.
Der Schauspieler und Regisseur Woody AllenJüdischer Humor in Hollywood
Vortrag am Dienstag, 13. März 2012, 19 Uhr
„Jüdischer Humor in Hollywood“ heißt das Thema eines Vortrags, den der israelische Historiker Tal Cohen am Dienstag, 13. März, um 19 Uhr, im VHS-Bildungszentrum in der Schlossergasse hält. Der Vortrag ist kostenlos. Der Schauspieler und Regisseur Woody Allen, die Sängerin Barbara Streisand und viele andere Hollywood-Stars haben eines gemeinsam: den spezifischen jüdischen Humor. Was ist jüdischer Humor? Wie hat er Hollywood erobert? Und warum muss man kein Jude sein, um über diesen Ulk zu lachen?
Beide Vorträge finden im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit statt, die seit 1952 von den Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit jedes Jahr im März durchgeführt wird.
Filmveranstaltung am 27. Januar 2012 im Lux-Kino in FrankenthalKonzert und Film zum Nationalen Gedenktag
Förderverein erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus
Am Nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2012 organisiert der Förderverein für jüdisches Gedenken Frankenthal ein Konzert und eine Filmveranstaltung. Seit 1996 wird an diesem Tag an die Millionen ermordeter Jüdinnen und Juden, aber auch an die anderen Opfer des deutschen Nationalsozialismus erinnert. Der damalige Bundespräsidenten Roman Herzog hatte den Tag eingeführt. Historischer Hintergrund ist die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die sowjetische Armee. Auschwitz steht symbolhaft für den Völkermord und für die Millionen Menschen, die durch das Nazi-Regime entrechtet, verfolgt, gequält oder ermordet wurden.
Der Förderverein zeigt gemeinsam mit dem Lux-Kino am Freitag, 27. Januar 2012, 10.30 Uhr, für Schulen und interessierte Bürgerinnen und Bürger den Film "Im Himmel, unter der Erde" (90 Minuten). Eintritt 2 Euro.
Im Norden der Stadt Berlin, versteckt in einem Wohngebiet, umgeben von Mauern und bedeckt von einem Urwald aus Bäumen, Rhododendron und Efeu liegt der Jüdische Friedhof Berlin-Weißensee. Er wurde 1880 angelegt, ist 42 Hektar groß, hat derzeit 115.000 Grabstellen und immer noch wird auf ihm bestattet. Weder der Friedhof noch sein Archiv sind je zerstört worden – ein Paradies für Geschichten-Sammler. Britta Wauer und ihr Kameramann Kaspar Köpke waren immer wieder auf dem Jüdischen Friedhof und haben einen höchst lebendigen Ort vorgefunden. Menschen aus aller Welt kommen dort hin und können von jüdischer, Berliner und zugleich deutscher Geschichte erzählen, von der dieser Ort erfüllt ist. Der Film wurde auf der Berlinale 2011 mit dem Panorama-Publikumspreis als "Bester Dokumentarfilm" ausgezeichnet.
Als Zeitzeugen ist Harry Kindermann aus Ludwigshafen eingeladen.
Harry Kindermann kommt als Zeitzeuge zum Film "Im Himmel, unter der Erde".Harry Kindermann kam 1927 in Berlin zur Welt. Seine Eltern waren zwar 1924 nach Palästina ausgewandert, kamen aber zurück nach Berlin, weil der Großvater – ein deutscher Patriot – verlangte, dass sein Enkel in Deutschland aufwachsen müsse. Der Großvater war es auch, der dem jungen Vater eine Stelle als Maurer auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee verschaffte, wo er als Chef der Fundamente-Bauabteilung bald ein gutes Einkommen erzielte. Weil ihn der Vater zum Spielen oft mit auf den Friedhof nahm, sagt Harry Kindermann von sich, dass er „praktisch auf dem Friedhof groß geworden“ sei. 1939, mit zwölf Jahren brachte ihm der Vater auf dem Friedhofsgelände sogar das Autofahren bei. Nach der Schließung der jüdischen Schulen in Deutschland wurde der vierzehnjährige Harry auf den jüdischen Friedhof zwangsverpflichtet. Sein Großvater, Träger des Eisernen Kreuzes, und die Großmutter wurden deportiert und ermordet. Harry Kindermann überlebte den Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter in einem Bautrupp, der im Auftrag von Adolf Eichmann Tiefbunker baute.
Nach der Befreiung arbeite er unter anderem als Bauleiter für die Firma Philipp Holzmann. Er heiratete 1950. Im Februar 1953 floh er aufgrund einer antisemitische Hetzkampagne mit Frau und Kind aus Ost-Berlin. Er zog nach Ludwigshafen und arbeitete bei der städtischen Baugesellschaft GAG. Er war mehrere Jahre Vorsitzender und Geschäftsführer der Jüdischen Kultusgemeinde Rheinpfalz.
Bereits im Jahr 2008 besuchten rund 300 Schülerinnen und Schüler des Albert Einstein Gymnasiums, des Karolinen Gymnasiums und der Berufsbildenden Schulen den Film „Am Ende kommen Touristen“
Die Veranstaltung wird finanziell unterstützt von der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Rheinland-Pfalz.
Lux-Kinos
August-Bebel-Straße 7-9
67227 Frankenthal
Telefon (06233) 27110
E-Mail: info@lux-kinos.de
Internet www.lux-kinos.de
Das Romeo Franz Ensemble spielt am 27. Januar 2012 in der Zwölf-Apostel-Kirche in Frankenthal.Am Abend, 27. Januar 2012, 19.30 Uhr, spielt das Romeo Franz Ensemble in der Zwölf-Apostel-Kirche in Frankenthal, Ecke Carl-Theodor-Straße/Kanalstraße. Eintritt 5 Euro.
Romeo Franz gründete das Ensemble 1991 gemeinsam mit Thomas Stützel. Der Musikstil der Gruppe kommt dem Stil des „Hot Club de France „mit Stephane Grapelli und Django Reinhard sehr nahe. Dennoch hat das Romeo Franz Ensemble seinen ganz eigenen und unverkennbaren Stil. Das Repertoire ist sehr breit gefächert von Swing, Jazz der 30er, 40er und 50er Jahre, Latin, Walzer, ungarische Folklore und viele eigene wunderschöne Kompositionen.
Die Instrumentierung des Ensembles besteht aus einer Violine, einer Rhythmusgitarre, einer Sologitarre und einem Kontrabass. Es können auch, wie auf der neuen CD „Best Friend’s“ zu hören ist, Akkordeon, Klavier, Gesang und Schlagzeug mit in das Klangbild einfließen.
Special Guest ist Joe Bawelino „Big Papa Joe”.
Seit 1998 setzt Romeo Franz sich ehrenamtlich für die Bürgerrechte der Sinti und Roma ein. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes deutscher Sinti und Roma in Rheinland-Pfalz.
Förderverein für jüdisches Gedenken Frankenthal
Telefon (06233) 69662
E-Mail: herbertbaumheb@aol.com
www.juden-in-frankenthal.de
Zur Finanzierung des Konzerts ist der Förderverein auf Spenden angewiesen.
Bankverbindung:
Sparkasse Rhein – Haardt
BLZ 546 512 40
Kontonummer 2400 24778

Leserbrief Artikel „Menschenkette als Freundschaftssymbol“ in der RHEINPFALZ vom 5.3.2012
In seiner Pressekonferenz zum Jubiläumsjahr "450 Jahre Glaubensflüchtlinge" zählt Oberbürgermeister Theo Wieder verschiedene Gruppen auf, die im Laufe der Jahrhunderte nach Frankenthal kamen. An erster Stelle sind es die Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden. Er nennt auch die "Zuwanderer" nach den Pfälzischen Erbfolgekriegen Ende des 17. Jahrhunderts, "Zuwanderer" in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sowie nach dem Zweiten Weltkrieg die Spätaussiedler aus dem Osten. "Alle diese Epochen waren für die Stadt ein Fortschritt", hebt Wieder hervor.
Der Förderverein für jüdisches Gedenken vermisst die jüdischen "Zuwanderer", die seit dem 17. Jahrhundert immer wieder nach Frankenthal kamen, aber aus religiösen, wirtschaftlichen oder politischen Gründen regelmäßig von hier vertrieben wurden.
Die regionalen Herrscher bestimmten über Ausnahmen. So wurden ab dem 16. Jahrhundert die "Hofjuden" als Bankier, Finanzberater, Heeres- und Hoflieferanten oder Diplomaten bald unverzichtbar. Sie besaßen herrliche Wohnsitze, umgaben sich mit Pracht und Luxus und hatten Niederlassungsfreiheit. "Im Spannungsfeld zwischen Hof, Stadt und Judengemeinde - Soziale Beziehungen und Mentalitätswandel der Hofjuden in der kurpfälzischen Residenzstadt Mannheim am Ausgang des Ancien Régime" heißt ein Buch der Historikerin Britta Waßmuth. Sie greift mit den "Mannheimer Hofjuden des 18. Jahrhunderts" ein Thema auf, das sowohl für die Mannheimer Stadtgeschichte als auch für die überregionale Geschichtsschreibung von großem Interesse ist.
Mit der Gründung der Jüdischen Gemeinde in Frankenthal um 1785 waren Männer und Frauen jüdischen Glaubens an der wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Entwicklung der Stadt maßgeblich beteiligt. Aus den Ausführungen Wieders wird nicht deutlich, warum die Juden nicht ebenfalls zu den Zuwanderern" zählen.
Der Förderverein wird unabhängig von den Veranstaltungen zum Jubiläumsjahr bewährte und neue Vorträge, Führungen, Gedenkveranstaltungen und Dokumentationen durchführen. Am Dienstag, 13. März, um 19 Uhr, referiert der israelische Historiker Tal Cohen im VHS-Bildungszentrum in der Schlossergasse über "Jüdischen Humor in Hollywood".
Die Jüdischen Friedhöfe in Frankenthal sind ein Schwerpunkt der Arbeit des Fördervereins in diesem Jahr. Alle vorhandenen Fotos der Grabsteine und Daten über die jüdischen Menschen werden in einer neuen digitalen Datei zusammengeführt. Auf diese Weise steht für die nächsten Jahrzehnte eine beachtliche Dokumentation zur Verfügung. Bei einem Baucamp mit jungen Menschen aus europäischen Staaten will der Förderverein gemeinsam mit dem Internationalen Bauorden (www.bauorden.de) vom 8. bis 21. Juli die Pflege der beiden Jüdischen Friedhöfe verbessern. Der Efeu um die Grabsteine herum sowie wild wachsende Sträucher und kleine Bäume sollen beseitigt werden.
Am Europäischen Tag der jüdischen Kultur am 2. September erinnern die "Stolpersteine" an das Leben der Juden in Frankenthal. Führungen über die jüdischen Friedhöfe und ein Stadtrundgang geben Einblicke in den Alltag der Juden. Am 9. November erinnert der Förderverein mit einer Gedenkveranstaltung an die Beschädigung und Plünderung der Synagoge, an die Plünderung jüdischer Geschäfte und an die Verhaftung jüdischer Männer am 10. November 1938. Der Förderverein freut sich, wenn im Rahmen des Jubiläumsjahres immer wieder auch an die "jüdischen Zuwanderer" erinnert wird.
Herbert Baum
Förderverein für jüdisches Gedenken Frankenthal
5. März 2012

Unterdrückungssystem mit eigenen Augen gesehen
Friedrich-Ebert-Realschule fährt regelmäßig in die Gedenkstätte Konzentrationslager Natzweiler-Struthof
Zum dritten Mal besuchten am Mittwoch, 14. März 2012, Klassen der Integrierten Friedrich-Ebert-Realschule plus in Frankenthal die Gedenkstätte Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsass. Die Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen im Alter von 15 bis 17 Jahren werden im Unterricht über den Nationalsozialismus anschaulich informiert. Sie besuchen regelmäßig die Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager in Osthofen. Eine Ausstellung beschreibt dort vor allem die Entwicklung der NS-Diktatur in Rheinland-Pfalz. Im Landesarchiv in Speyer forschen die Schüler in Dokumenten nach den Schicksalen der Verfolgten aus Frankenthal. „Mit dem Besuch in Struthof sehen die Jugendlichen das Unterdrückungssystem mit eigenen Augen“, informierte Heidrun Kohl, die die Exkursionen seit Jahren vorbereitet und organisiert. Nachdem man in der Nähe ein Vorkommen von seltenem rotem Granit gefunden hatte, war das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof zwischen 1. Mai 1941 und 23. November 1944 ein Straf- und Arbeitslager der NS-Diktatur im besetzten französischen Gebiet Elsass, etwa 55 Kilometer südwestlich von Straßburg. Rüdiger Stein, Mitglied des Fördervereins für jüdisches Gedenken und Pate des Projektes „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“, für das die Realschule ausgewählt wurde, beschrieb den 61 Jugendlichen bereits bei der Anfahrt mit dem Bus den Weg der Deportierten vom Bahnhof Rothau acht Kilometer lang auf einen Gipfel der Vogesen in 800 Metern Höhe. Das Lager mit seinen Stacheldrahtzäunen, den Wachtürmen und den Baracken brachte manchen Jugendlichen zum Schweigen. „Struthof war kein Vernichtungslager Auschwitz, wo rund eine Million Menschen, vor allem Juden, ermordet wurden“, betonte Rüdiger Stein: „Die meisten Deportierten kamen aus Polen (13.800), der UdSSR (7.600) und Frankreich (6.800), meist aus politischen (60 Prozent) und rassistischen (11 Prozent) vorgeschobenen Gründen.“ In Struthof war außerdem die Verwaltung von zahlreichen Außenlagern in Süddeutschland, unter anderem in Mannheim-Sandhofen. „Dort arbeiteten die Männer vor allem im Werk von Daimler-Benz“, schilderte Stein die Auswirkungen der NS-Diktatur auch in der Nachbarschaft. 52.000 Deportierte lebten in diesem KZ-System Struthof. 22.000 Personen starben in Folge von Entkräftung, Kälte, Mangelernährung und lagerbedingten Krankheiten oder wurden ermordet. Heidrun Kohl machte deutlich, dass brutale Täter wie damals auch heute wieder in unserer Gesellschaft leben. „Die aktuellen Verhaftungen in der rechtsextremistischen Szene zeigen, wie wachsam wir sein müssen“, betonte die engagierte Lehrerin: „Unser Projekt Schule ohne Rassismus verpflichtet uns, auch vor Ort auf fremdenfeindliches Verhalten zu achten und ihm entgegenzutreten.“

Kultursommer eröffnet mit "Stadt der Engel"
Berliner Theater Anu erinnert an jüdische Bürgerinnen und Bürger
Der Kultursommer Rheinland-Pfalz mit dem Motto "Gott und die Welt" wird vom 4. bis 6. Mai in Frankenthal eröffnet. Rund 40 Programmpunkte setzen sich mit dem Thema auseinander.
Symbol der Veranstaltung sind Engel, die den Besuchern an verschiedenen Orten in Frankenthal erscheinen werden. An den ersten beiden Tagen der Eröffnungsveranstaltung sind sie unter anderem auf Frankenthals Dächern zu finden. Dort sollen sie an das Schicksal jüdischer Familien zur Zeit des Nationalsozialismus erinnern. Das Projekt haben Schüler des Pfalzinstituts für Hören und Kommunikation Frankenthal gemeinsam mit dem Berliner Theater Anu (www.theater-anu.de) und dem Künstler Bartel Meyer aus Berlin entwickelt. Der Förderverein für jüdisches Gedenken hat Texte und Fotos zur Verfügung gestellt. An fünf verschiedenen Stellen in der Innenstadt stehen als Engel verkleidete Schauspieler auf Häusern, in denen einmal Juden gelebt haben.
Das Kaufhaus Schweitzer & Wertheimer am Rathausplatz.Das Kaufhaus Schweitzer & Wertheimer war ein imposantes Gebäude am Rathausplatz. Mehrere Söhne und Töchter von Isaak und Isabella Schweitzer konnten rechtzeitig ins Ausland fliehen. "Die Engel sollen an die schrecklichsten Ereignisse der Frankenthaler Geschichte erinnern”, betont Oberbürgermeister Theo Wieder. Menschen jüdischen Glaubens wurden ab 1933 ausgegrenzt, vertrieben, eingesperrt und ermordet. Die Engel auf den Dächern erinnern an diese Gräueltaten.
Ein Engel informiert auf dem Dach des Gebäudes über das Schicksal der Familie Schweitzer.Ein Engel informiert auf dem Dach des Gebäudes über das Leben der Familie Schweitzer. Schülerinnen und Schüler des Pfalzinstituts für Hören und Kommunikation Frankenthal haben gemeinsam mit dem Theater Anu und dem Künstler Bartel Meyer aus Berlin das Projekt "Engel der Geschichte" auf die lokalen Ereignisse übertragen. Sie haben mit Zeitzeugen gesprochen sowie die Dokumente und Fotos aus der NS-Zeit ausgewertet. Über die Schicksale der jüdischen Familien werden die Schüler am 4. und 5. Mai vor den ausgewählten Häusern informieren.
Zeitzeugen für das Schicksal jüdischer Menschen
Förderverein informiert über die Familie Schweitzer
Carl Schweitzer führte das Kaufhaus Schweitzer & Wertheimer ab 1901. Im Pass von 1939 steht das "J" für "Jude". Zusätzlich musste er sich "Israel" nennen.Mehr als 26 Millionen Menschen sind nach aktuellen Angaben der Vereinten Nationen (UN) weltweit im eigenen Land auf der Flucht vor Gewalt und Verfolgung. Die Zahl der Binnenflüchtlinge habe 2011 einen der höchsten Werte seit der Jahrhundertwende erreicht.
Schon nach der Vorstellung des Jahresprogramms "450 Jahre Ankunft der Glaubensflüchtlinge in Frankenthal" Anfang März hatte der Förderverein für jüdisches Gedenken Frankenthal öffentlich darauf aufmerksam gemacht, dass nur ein allgemeiner Vortrag zum Thema "Grundzüge des Judentums" angeboten wird. Einerseits werden im Programm ohne systematische Kriterien verschiedene "Zuwanderergruppen" berücksichtigt, andererseits fehlt aber die für die Entwicklung Frankenthals so wichtige Gruppe der Juden. Zuwanderer, Flüchtlinge, Ein- und Auswanderer, Migranten und andere Bevölkerungsbewegungen lassen sich aber durchaus nach wirtschaftlichen, religiösen, politischen oder "rassischen" Kriterien beschreiben. Die seit dem 17. Jahrhundert immer wieder nach Frankenthal kommenden Juden wurden innerhalb des damaligen Staatsgebietes aus religiösen, wirtschaftlichen, politischen und "rassischen" Gründen regelmäßig vertrieben und in der nationalsozialistischen Diktatur viele ermordet. Wo sie zumindest zeitweise geduldet waren, haben sie maßgeblich an der Entwicklung der Städte und Gemeinden mitgewirkt. Auch bei der Veranstaltung "Zeitzeugen Spezial - 450 Jahre Ankunft der Glaubensflüchtlinge, 1562 bis 2012" am Dienstag, 24. April, 19.30 Uhr, in der Stadtbücherei, fehlt eine jüdische Familie. "Es freut uns, dass im Rahmen der Kultursommer-Eröffnung am 4. und 5. Mai das Leben mehrerer jüdischen Familien im Rahmen der Aktion "Engel in der Stadt" vorgestellt werden", betont Herbert Baum vom Förderverein: "Engel informieren von den Dächern der früheren Häuser, in denen sie gelebt haben, über deren Schicksal."
Wo heute die Filiale der Commerzbank steht, befand sich bis zur Zerstörung vermutlich im Jahr 1943 das größte Kaufhaus Frankenthals, das Kaufhaus Schweitzer & Wertheimer. Ein Engel wird vom Dach des Hauses an die Familie erinnern.
Das Kaufhaus Schweitzer & Wertheimer wurde vermutlich 1876 von Isaak Schweitzer und Josef Wertheimer gegründet.
Isaak Schweitzer wurde am 5. November1845 in Mühringen bei Horb am Neckar geboren. Im 18. Jahrhundert erlangte Mühringen als ein religiöser Mittelpunkt für die Juden in Südwestdeutschland eine große Bedeutung. Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde um 1846 mit 512 Personen erreicht bei einer Bevölkerung von heute 1000 Einwohnern. Ein Vergleich: 1871 lebten 246 Juden in Frankenthal unter 7021 Einwohnern (rund 3,5 Prozent). Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ging die Zahl der Juden in Mühringen durch Aus- und Abwanderung schnell zurück, so dass 1900 nur noch 130 jüdische Einwohner gezählt wurden. Im Jahr 1900 lebten in Frankenthal 371 Juden unter 16 899 Einwohnern (rund zwei Prozent).
Auch Isaak Schweitzer wanderte 1865/66 in die USA aus und gründete dort ein Geschäft. Am 16. September 1875 heiratete er in Philadelphia Babette Isabella geborene Guggenheimer. Vermutlich aufgrund der wirtschaftlichen Krise nach dem Bürgerkrieg kamen Isaak und Isabella Schweitzer 1875 nach Frankenthal, zirka 1876 wurde das Geschäft gegründet,
zusammen mit Josef Wertheimer.
Josef Wertheimer wurde am 13. August 1813 in Durbach bei Offenburg geboren. In Durbach bestand eine jüdische Gemeinde bis zu ihrer Auflösung am 14. Februar 1900. Ihre Entstehung geht in die Zeit nach 1700 zurück. Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde um 1801 mit 106 Personen erreicht.
Im Internet findet man viele Informationen über die Familie Wertheimer. Hermann Wertheimer, geboren am 28. März 1848 in Durbach als Sohn von Josef und Rebecca Wertheimer, heiratete am 19. Dezember 1877 in Karlsruhe Ernestine Schweitzer, eine Schwester von Isaak Schweitzer. Vermutlich liegt hier der Grund für die gemeinsame Geschäftsgründung in Frankenthal. Die Grabsteine von Josef und Rebecca Wertheimer befinden sich noch heute auf dem Alten Jüdischen Friedhof in Frankenthal.
Diese kurze Familienchronik zeigt, wie das Leben der jüdischen Menschen immer wieder von der Entwicklung der Region oder des Landes abhängig war. Nachdem sich die Juden aufgrund der neuen staatlichen Gesetze nach und nach emanzipieren konnten, mussten sie aus wirtschaftlichen Gründen entweder in die aufstrebenden Städte oder ins Ausland abwandern. Auch Frankenthal profitierte bis Anfang des 20. Jahrhunderts von dieser Zuwanderung. Fast alle jüdischen Männer der ersten Generation waren Kaufleute. Parallel zur Industrialisierung Frankenthals entwickelten sie den hiesigen Einzelhandel.
Isaak und Isabella Schweitzer hatten zehn in Frankenthal geborene Kinder: Julie (geboren 1878), Karl (1879), Hortense (1880), Selma Luise (1881), Hugo (1882), Anna Sofie (1884), Josef Siegfried (1887), Heinrich Isidor (1892), Maximilian Hartwig (1894) und Lucia (1897).
Maximilian meldete sich als Gymnasiast freiwillig zur Armee. Er wurde schon am 5. November 1914 in Belgien getötet. Während von den Mädchen keine besonderen beruflichen Karrieren bekannt sind, profitierten die Männer vom Wohlstand der Eltern. Heinrich Schweitzer wurde Zahnarzt und wanderte in den 30er Jahren nach Manchester aus. Hugo Schweitzer wurde Kaufmann und zog bereits 1905 nach Berlin. Auch er ist später erst nach England und dann in die USA ausgewandert. Josef Siegfried zog nach Frankfurt. Von ihm gibt es zurzeit keine weiteren Informationen. Hortense heiratete in Frankenthal den 17 Jahre älteren Kaufmann Benjamin Ullmann. Die Ehe wurde vermutlich 1910 geschieden. Hortense starb bereits 1919. Der Grabstein steht auf dem neuen Jüdischen Friedhof. Auch Selma war verheiratet und zog nach Bonn. Über ihr Schicksal ist zurzeit nichts bekannt. Vermutlich ist auch sie rechtzeitig ausgewandert. Im 2. Stock des Kaufhauses wohnten die unverheirateten Schwestern Anna und Lucie Schweitzer. Lucia ist 1937 nach Philadelphia (USA) und Anna Sophie 1939 nach New York (USA) ausgewandert.
Carl übernahm nach dem Tod des Vaters im Jahr 1901 das Kaufhaus am Rathausplatz. Er heiratete die katholische Mannheimerin Therese Paul. Vermutlich aus wirtschaftlichen Gründen wurde das Geschäft 1932 auf Therese Schweitzer überschrieben. Sie führte den Verkauf in reduziertem Umfang im Obergeschoss weiter. Das Bayerische Schokoladenhaus aus Würzburg mietete den Laden im Erdgeschoss und zwei Zimmer in der 1. Etage. Ein Foto im Stadtarchiv dokumentiert den Wechsel.
In der "Reichskristallnacht" wurden die Wohnung und der Laden von Carl und Therese Schweitzer verwüstet. Carl Schweitzer wurde am 10. November 1938 verhaftet und mehrere Wochen im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Therese Schweitzer wurde mit ihrem Sohn Hans aus dem Haus ausgewiesen und zog zu ihren Eltern nach Mannheim.
Das Haus am Rathausplatz musste nicht zuletzt wegen der zwangsweisen "Arisierung" verkauft werden. Zwei bekannte Frankenthaler Kaufleute machten wenige Tage nach der "Reichskristallnacht" Kaufangebote. Am 3. März 1939 wurde das Geschäft für 76.500 Reichsmark an das Bayerische Schokoladenhaus verkauft. Es bestand ein Vorverkaufsrecht.
Carl Schweitzer überlebte die NS-Diktatur - aufgrund der sogenannten Mischehe - mit seiner Frau und seinem Sohn Hans in Mannheim. Er starb bereits 1946 in Mannheim vermutlich an den Folgen der Haft im Konzentrationslager Dachau.
Hans Schweitzer wurde am 30. Juli 1928 in Mannheim geboren. Seit 1934 war er katholisch getauft. Von 1935 bis 1938 besuchte er die Pestalozzischule. Die Verwüstungen in der "Reichskristallnacht" hat er als 10-Jähriger selbst miterlebt.
Hans Schweitzer lebt seit Jahren in der Nähe von New York. Er besuchte bereits mehrmals seine Heimatstadt. Der Förderverein hält Kontakt zu ihm.
Vor einigen Wochen meldete sich mit E-Mail Peter Schweitzer aus New York. Er ist der Sohn von Ulrich Schweitzer, der mit 91 Jahren in New York lebt. Dessen Vater ist Hugo Schweitzer, Bruder von Carl Schweitzer und einer der Söhne von Isaak und Isabella Schweitzer. "Er hat auf den Internetseiten des Fördervereins Informationen über seine Familie gefunden", freut sich Herbert Baum: "Er will Anfang Juni nach Frankenthal kommen. Falls er damit einverstanden ist, soll er als Zeitzeuge für das Schicksal jüdischer Familien aus Frankenthal vorgestellt werden. Damit hätte die vierte Generation der Familie Schweitzer einen Bezug zur Stadt."
