Juden in Frankenthal

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„Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Nichtbelastete: Entnazifizierung in Deutschland“

(Im Adolf-Metzner-Park erinnert die Bronzestatue „Staffelläufer“ an den berühmten Frankenthaler Leichtathleten Adolf Metzner)

„Adolf Metzner: Arzt, Leichtathlet, Weltenbummler und Mäzen“ war der Titel eines Artikels in einem Frankenthaler Stadtmagazin im Sommer 2009. Die Statue des Läufers mit Staffelholz im Adolf-Metzner-Park erinnere an den Sohn der Stadt, der dieser sein ganzes Leben lang verbunden geblieben sei. Zufällig entdeckte der Förderverein für jüdisches Gedenken Frankenthal einige Wochen später bei der Durchsicht von Dokumenten den Hinweis, dass Adolf Metzner am 1. September 1933 in die Schutzstaffel (SS) der NSDAP eingetreten ist. Nachforschungen des Fördervereins brachten weitere Informationen. In mehreren Veranstaltungen diskutiert der Förderverein das Thema „Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Nichtbelastete“. Die NSDAP hatte bei Kriegsende im Mai 1945 rund 7,5 Millionen Mitglieder. In ihren Zonen führten die Besatzungsmächte USA, England und Frankreich nach der Befreiung Deutschlands sogenannte Entnazifizierungsver-fahren durch. Diese sollten ein erster Schritt sein zur strafrechtlichen Aufarbeitung der NS-Zeit. Dazu wurden die Angeklagten in „Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Nichtbelastete“ eingeteilt.

Dienstag, 24. August 2010 , 19 Uhr, Dathenushaus, Kanalstraße 6

Die Pfalz in der NS-Zeit
Vortrag von Gerhard Nestler
(Leiter des Stadtarchivs Frankenthal)


Dienstag, 14. September 2010 , 19 Uhr, Dathenushaus, Kanalstraße 6

Adolf Metzner und das Erbe der NS-Vergangenheit
Vortrag von Prof. Dr. Claus Tiedemann
(Universität Hamburg)


Die Pfalz in der NS-Zeit

Die Pfalz war schon in den Jahren vor 1933 eine der Hochburgen des Nationalsozialismus in Deutschland. Nach der Machtergreifung am 30. Januar 1933 gehörte die Pfalz zu Hitlers treuesten Gauen. Voller Stolz sprachen die pfälzischen Nationalsozialisten vom „Bollwerk im Westen“. In seinem Vortrag zeichnet Gerhard Nestler, der Leiter des Frankenthaler Stadtarchivs, den Aufstieg der Nationalsozialistischen Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) in der Pfalz von einer kleinen unbedeutenden Splitterpartei zur Massenbewegung nach und fragt nach den Gründen, die diesen Aufstieg möglich gemacht haben. Er wird die wichtigsten Elemente der NS-Herrschaft in der Pfalz analysieren, unter anderem den Unterdrückungs- und Terrorcharakter des Re-gimes und die Politik des pfälzischen Gauleiters Josef Bürckel. Außerdem geht er der Frage nach, auf welche Weise das Regime Loyalitäten erzeugt hat und wie groß Widerstand und Resistenz waren. Gerhard Nestler hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Studien zur Geschichte der Pfalz im 19. und 20. Jahrhundert veröffentlicht und ist Mitherausgeber des Sammelbandes „Die Pfalz unterm Hakenkreuz".

Adolf Metzner und das Erbe der NS-Vergangenheit

Adolf Metzner ist bereits am 1. September 1933 in die Schutzstaffel (SS) der NSDAP eingetreten. Am 4. Juli 1937 beantragte er in Frankenthal die Aufnahme in die NSDAP. Er erhielt die Mitgliedsnummer 4929068. Am 7. Oktober 1939 wurde Metzner als SS-Unter-sturmführer in die Waffen-SS einberufen, am 1. August 1940 zum SS-Obersturmführer und am 9. November 1942 zum SS-Hauptsturmführer befördert. In der Wehrmacht entsprach dieser Titel dem Rang eines Hauptmanns. Vom 7. Oktober 1939 bis Kriegsende war Metzner in verschiedenen Einheiten und Einrichtungen der Waffen-SS tätig. Ab 1939 erhielten die schon früher gegründeten militärischen Verbände der SS den Namen Waffen-SS.
Für den Förderverein sind diese Tatsachen Anlass, eine Diskussion über die Lebensphase Adolf Metzners von 1930 bis 1945 anzuregen. „Uns interessiert, warum ein Medizinstudent mit 23 Jahren in die SS und als Arzt mit 27 Jahren in die NSDAP eintritt“, erläutert Herbert Baum das Interesse des Fördervereins: „Als erfolgreicher Leichtathlet - er war mehrmals Deutscher Meister und Europameister - wurde er in den 30er Jahren und wird er heute noch als Vorbild dargestellt.“
Äußerungen und Formulierungen in Artikeln, die er zwischen 1931 und 1937 für die Zeit-schrift „Der Athletik-Freund“ geschrieben hat, machen aber deutlich, dass im Denken von Adolf Metzner eine gewisse Nähe zur NS-Ideologie vorhanden war. Der „Athletik-Freund“, den sein Bruder Emil Otto Metzner seit 1931 herausgab und der seit 1932 „Der Aktive“ hieß, erschien in Frankenthal, war aber im ganzen Deutschen Reich verbreitet.
In einem dreiteiligen Bericht über die Olympiade 1936 in Berlin nannte Metzner den farbigen US-Sprinter Williams den „pechschwarzen Nigger mit der stupiden Kopfform und den wulstig aufgeworfenen Lippen“; und der 800m-Läufer Woodruff war „der baumlange Nigger mit den Siebenmeilenstiefeln, ein hochgeschossener athletischer Typ mit einem winzigen eiförmigen Kopf, in dem kaum genügend Hirn für das bisschen taktisches Denken Platz hat.“ Hitler, von dem die deutsche Olympiamannschaft nach Ende der Spiele in der Reichskanzlei empfangen wurde, bezeichnete er als „großen bescheidenen Mann“, von dem alle „gefangen genommen“ waren und „den man sofort gern haben musste.“
Im Entnazifizierungsverfahren „reihte“ die Spruchkammer in Fritzlar (Hessen) Adolf Metzner am 7. März 1949 „in die Gruppe der Mitläufer“ ein. Er musste eine „Geldsühne“ von 50 Mark zahlen.
Anfang 1953 bewarb sich Metzner für die Stelle eines Sportarztes an der Universität Hamburg. In seinem handgeschriebenen Lebenslauf vom 8. März 1953 schreibt er, er sei vom „7. Okto-ber bis Kriegsende Soldat beziehungsweise Sanitätsoffizier“ gewesen. In seinem Personalbo-gen schreibt er unter der Überschrift „Dienstzeiten in Wehrmacht, Polizei, R.A.D.“: „Wehr-macht von 7. Oktober 1939 bis Kriegsende“.
Adolf Metzner hat sich seiner NS-Vergangenheit bis zu seinem Tod im Jahr 1978 nie öffentlich gestellt. Obwohl er vermutlich nie sportmedizinische Studienveranstaltungen besucht und vorher nie als Sportmediziner praktiziert hatte, erhielt er 1953 die Stelle an der Universität Hamburg. In der sportmedizinischen Forschung erzielte er Erfolge. Bei der Wochenzeitung DIE ZEIT half er, eine Sportredaktion aufzubauen, in der er anschließend jahrelang mitarbeitete. 1971 erhielt er eine Professur, wenige Monate später, 1972, wurde er Frührentner. Er starb 1978 in Hamburg und wurde in seinem Heimatort Frankenthal beigesetzt.

Dr. Claus Tiedemann, emeritierter Professor der Universität Hamburg, hat in seiner Studienzeit an der Universität Hamburg Adolf Metzner kennen gelernt. Nach dem Studium der Fächer Philosophie, Pädagogik, Griechisch, Latein, Geschichte und „Leibesübungen“, nebenbei auch Jura und Medizin, sowie nach der Promotion in Geschichte war Tiedemann ab April 1969 Wissenschaftler am Institut für Leibesübungen („IfL“) der Universität Hamburg (später Institut für Sportwissenschaft, seit 1980 Fachbereich Sportwissenschaft, seit 2004 Fachbereich Bewegungswissenschaft).
1979 wurde Dr. Tiedemann zum Universitäts-Professor für Sportwissenschaft an der Universität Hamburg berufen; seit April 2007 ist er emeritiert. Er ist in zahlreichen Organisationen engagiert.

In „Eine kurze Geschichte der Sportwissenschaft an der Universität Hamburg“ (www.sportwissenschaft.uni-hamburg.de/tiedemann/documents/fachbereichgeschichte.html) schreibt Tiedemann: „Sport und Sportwissenschaft haben in Hamburg eine besondere Geschichte. (...) Bereits zur Zeit der Weimarer Republik besaßen einige sportpraktische Kurse des IfL einen „para-militärischen“ Charakter; sie sollten die verbotene militärische Ausbildung der deutschen Elite ersetzen. (...) Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, die von (...) Lehrkräften enthusiastisch begrüßt wurde, nahm der militärische („wehrsportliche“) Charakter noch zu (...). Das wehrsportliche Programm wurde noch ergänzt durch Gelände- und Wehrsportlager sowie Segelfliegen. (...) Weitere Folgen des nationalsozialistischen Einflusses waren der Ausschluss jüdischer Studierender und Zulassungsbeschränkungen für Frauen. (…)
Nach Kriegsende 1945 blieben der im NS-Geist deutlich hervorgetretene Dr. Zerbe (Leiter des Instituts; die Redaktion) und ein Großteil der Lehrenden im Amt. Auch Hochschulsport sowie Struktur und Didaktik der SportlehrerInnenausbildung erfuhren wenig Veränderung.“
Prof. Dr. Claus Tiedemann thematisiert in seinem Vortrag am 14. September am Beispiel der Biografie von Adolf Metzner die Problematik, mit dem „Erbe“ der Nazi-Vergangenheit umzugehen.
Als erfolgreicher Leichtathlet und Mediziner hatte Metzner durchaus Qualifikationen für den Beruf als Sportmediziner. „Es drängt sich allerdings die Frage auf, ob er nicht zuletzt auch aufgrund seiner SS- und NSDAP-Mitgliedschaft gut in den Lehrkörper des Sportinstituts passte“, betont Herbert Baum vom Förderverein: „Millionen haben sich ab 1933, als politische Kritik auch mit der Ermordung durch NS-Täter bestraft wurde, schweigend angepasst. Andere haben die Mitgliedschaft im NS-System für ihre berufliche Karriere genutzt. Viele profitierten von ihren Kontakten auch nach Ende des Krieges und beim Wiederaufbau der Bundesrepublik Deutschland.“

Der Förderverein will in seinen Diskussion an die Menschen erinnern, die - auch in Frankenthal - aufgrund ihrer demokratischen Überzeugung während der NS-Diktatur berufliche Nachteile, Gefängnis, Folter oder sogar den Tod erlitten haben.
„Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Nichtbelastete in totalitären Systemen im Nachhinein zu identifizieren und auch gerichtlich zur Rechenschaft zu ziehen, ist ein immer aktuelles Thema“, beschreibt der Förderverein ein weiteres Motiv für seine Diskussion: „Auch nach 1945 wurden Millionen von Menschen eingesperrt, gefoltert, vergewaltigt und ermordet. Immer wieder sind Menschen in der Lage und bereit, sich den Diktatoren für die Gewaltausübung zur Verfügung stellen.“


Informationen auf den Internetseiten von WIKIPEDIA:
Karl Adolf Metzner wurde am 25. April 1910 als Sohn des Brauereibesitzers Otto Daniel Metzner und dessen Frau Hedwig Marie Elisabeth in Frankenthal geboren. Als Leichtathlet (400 Meter, 4 x 100 Meter, 4 x 400 Meter) wurde er zwischen 1931 und 1937 mehrmals Deutscher Meister und Europameister. Er nahm an der Olympiade 1932 in Los Angeles und 1936 in Berlin teil. In seinem Medizinstudium spezialisierte er sich auf Kardiologie und Sportmedizin. Nach der Promotion und einer internistischen Ausbildung machte Metzner ab 1947 in der sportmedizinischen Forschung Karriere in Hamburg. (...)
Aufgrund seines Testamentes wurde in Frankenthal mit einem Grundkapital von 1 Million DM (rund 500.000 Euro) eine nach ihm benannte Stiftung ins Leben gerufen. Die Adolf-Metzner-Stiftung hat das Ziel, kulturelle und soziale Einrichtungen in der Stadt zu fördern. Sie schreibt unter anderem alle zwei Jahre den Adolf-Metzner-Musikpreis aus, der junge Musikerinnen und Musiker finanziell unterstützt. Im Jahr 1985 wurde zwischen dem Foltzring und der Schmied-gasse der Adolf-Metzner-Park geschaffen. Über einem Brunnen steht die von dem Hamburger Bildhauer Fritz Fleer gegossene Bronzeskulptur, die einen Staffelläufer darstellt.
Der Förderverein hat inzwischen erste Ergebnisse seiner Nachforschungen bei WIKIPEDIA veröffentlicht.

Weitere Veranstaltungen des Fördervereins:

Der Förderverein für jüdisches Gedenken Frankenthal beteiligt sich auch in diesem Jahr mit drei Führungen am Europäischen Tag der jüdischen Kultur. Am Sonntag, 5. September, erinnern Initiativen und Vereine an die Geschichte der Gemeinden, an die Tradition der Synagogen, Ritualbäder, Friedhöfe und anderer jüdischer Einrichtungen. In Frankenthal geht es um die Aktion Stolpersteine (11 Uhr), um die Geschichte der jüdischen Friedhöfe (15 Uhr) und um die Entwicklung der jüdischen Gemeinde (17 Uhr).

Donnerstag 2. September 2010
19 Uhr
Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Frankenthal
Vortrag mit Fotos zum Europäischen Tag der jüdischen Kultur
Herbert Baum
VHS-Bildungszentrum, Schlossergasse, Vortragsraum
Eintritt frei. Anmeldung erbeten